Familienfreundliche Kommune
Laut Ergebnissen des Mikrozensus lebten 2006 in Deutschland 15,1 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, 2,7 Millionen davon in Baden-Württemberg (vgl. Statistisches Bundesamt 2008, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2008). Das bedeutet: 25 % der insgesamt gut 10,7 Millionen Baden-Württemberger haben einen Migrationshintergrund. Baden-Württemberg liegt mit diesem Wert deutlich über dem Bundesdurchschnitt von rund 18 % und hat unter Flächenländern den höchsten Migrantenanteil (vgl. Statistik aktuell 2008, »Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Baden-Württemberg«). Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund zählen per Definition alle seit 1950 nach Deutschland zugewanderten Personen und deren Nachkommen. In diese Kategorie fallen also sowohl Zuwanderer aus dem Ausland mit deutschem Pass (Eingebürgerte, Spätaussiedler) als auch nicht deutsche Staatsangehörige (Pass-Ausländer) und deren Kinder (vgl. Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 11/2006, »Baden-Württemberg ein Einwanderungsland?«).
Im Vergleich zu den Ausländerzahlen ist die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in Baden-Württemberg mehr als doppelt so hoch. Die Einführung des Auswertungskonzepts Migrationshintergrund bedeutet für die Politik gegenüber dem bisher hauptsächlich verwendeten Merkmal Staatsangehörigkeit einen Informationsgewinn. Denn die Gruppe der Ausländer allein ist zu eng gefasst, wenn in der Familien-, Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik zum Beispiel spezielle Förder- und Unterstützungsbedarfe beziffert werden sollen.
2007 war jede dritte Familie in Baden-Württemberg eine Migrantenfamilie. Familien mit Migrationshintergrund leben hauptsächlich in den alten Bundesländern, dort vor allem im städtischen Raum. Weil in der Vergangenheit überwiegend jüngere Arbeitsmigranten aus Südeuropa nach Baden-Württemberg übersiedelt sind und die Geburtenrate bei Migrantinnen derzeit noch über der von Frauen ohne Migrationshintergrund liegt, ist die Migrantenbevölkerung insgesamt jünger als die baden-württembergische: Jeder dritte Jugendliche im Land hat mittlerweile einen Migrationshintergrund, in Stuttgart liegt der Migrantenanteil bei den Kinder und Jugendlichen sogar über 50 %. Aber auch in kleineren Kommunen wächst der Anteil – und damit auch der Handlungsbedarf. Denn:
Zuwanderung war in der Vergangenheit für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft von großer Bedeutung. Auch heute gilt: Angesichts der demografischen Entwicklung sind Migranten und ihre Familien eine Chance für unsere Gesellschaft.
Zugleich besteht für diese Gruppe besonderer Förderungs- und Unterstützungsbedarf: Nach den Ergebnissen des Mikrozensus 2005 waren von den Erwerbspersonen ohne Migrationshintergrund rund 5 % ohne Arbeit, bei den Migranten lag die Erwerbslosenquote mit knapp 11 % mehr als doppelt so hoch. Die ausländische Bevölkerung wies mit 15 % sogar eine dreimal so hohe Erwerbslosenquote auf wie die Baden-Württemberger ohne Migrationshintergrund (vgl. Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 11/2006, »Baden-Württemberg ein Einwanderungsland?«).
Eine wichtige Ursache für die höhere Erwerbslosigkeit ist das im Durchschnitt geringere berufliche Qualifikationsniveau. Weil in der Vergangenheit mehrheitlich gering qualifizierte "Gastarbeiter" angeworben wurden und deren Nachkommen im deutschen Bildungssystem bisher nicht optimal gefördert werden, konnte sich eine soziale Schieflage verfestigen, die auch in der zweiten und dritten Einwanderergeneration fortbesteht. Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien müssen in Bildungs- und Ausbildungsfragen im Vergleich zu ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund generell mit einem wesentlich geringeren Maß an Unterstützung durch das Elternhaus zurechtkommen, erreichen niedrigere Schulabschlüsse und haben infolgedessen schlechtere Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Ein weiteres vor allem die kommunale Ebene betreffendes Problem ist die sozialräumliche Konzentration von Migranten in bestimmten Wohngebieten, was die Benachteiligung oftmals noch verstärkt. Insgesamt bedeutet das, dass ein hoher Migrantenanteil in einer Kommune mit einem erhöhten Bedarf nach sozialen Eingliederungshilfen (Sprach- und Bildungsförderung, Berufsqualifizierung) sowie nach Beratungs- und Erziehungshilfeangeboten der Jugendhilfe einhergeht.
Allerdings ist die durchschnittlich schlechtere berufliche Qualifikation der Migranten nicht der einzige Grund für eine höhere Erwerbslosenquote: Auch Migranten mit einer guten Berufsausbildung sind wesentlich häufiger erwerbslos als ihre Kollegen ohne Migrationshintergrund. 2005 lag beispielsweise die Erwerbslosenquote von Personen ohne Migrationshintergrund mit einer Fachhochschul-/Hochschulausbildung bei knapp 3 %, während die der entsprechend ausgebildeten Personen mit Migrationshintergrund mit annähernd 10 % mehr als dreimal so hoch war. Dieses Muster zeigt sich auch bei den übrigen Ausbildungsabschlüssen (vgl. Entwicklungen und Strukturen des Arbeitsmarktes in Baden-Württemberg 2007).
Die Ergebnisse der Bevölkerungs- und Erwerbspersonenvorausrechnungen des Statistischen Landesamtes zeigen, dass sich der Nachwuchs für den Arbeitsmarkt künftig aus wesentlich weniger jungen Menschen rekrutieren wird. Für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Baden-Württemberg ist es deshalb wichtig, dass es angesichts der beschriebenen Problemlagen gelingt, den nachwachsenden Generationen unabhängig von ihrer Herkunft eine gute schulische und berufliche Ausbildung mit auf den Weg zu geben und ihnen gute Lebenschancen zu eröffnen.
Gute Ansatzpunkte zur Unterstützung von Migranten und zur Förderung von Integration sind:
Zu Beginn der Weiterentwicklung der kommunalen Integrationspolitik empfiehlt sich eine Bestandsaufnahme der Leistungen und Angebote vor Ort: Was bieten die Kommune, die Einrichtungen, die Schulen, die Kirchen, freie Träger und Vereine für Kinder, Jugendliche, Eltern, Geringqualifizierte mit Migrationshintergrund? Werden die Zielgruppen tatsächlich erreicht und was fehlt noch? Welche guten Praxisbeispiele und Lösungen gibt es in anderen Kommunen gleicher Größenordnung?
Die Handlungsfelder der kommunalen Integrationspolitik und der kommunalen Familienpolitik sind eng miteinander verknüpft. Zur ersten Bestandsaufnahme der Angebote für Migranten eignet sich deshalb die Handreichung Familienfreundliche Kommune als Raster, eine Checkliste, die von baden-württembergischen Bündnissen für Familie, dem Netzwerk Familie Baden-Württemberg, dem Kommunalverband für Jugend und Soziales und der FamilienForschung Baden-Württemberg erarbeitet worden ist.
Die Handreichung enthält 56 Fragen zu sieben Handlungsfeldern kommunaler Familienpolitik. Sie liefert ein Bild von der Ausgangssituation zur Familienfreundlichkeit in der Kommune und bietet Anregungen zur Formulierung von künftigen Entwicklungszielen. Zusammen mit der Arbeitshilfe 100 Praxisbeispiele aus den Kommunen Baden-Württembergs dient die Handreichung vielen Gemeinden und Städten als Einstieg in den Entwicklungsprozess zur Familienfreundlichen Kommune. In Baden-Württemberg arbeiten derzeit rund 150 Kommunen mit der Handreichung. Der Gemeindetag, der Städtetag und der Landkreiskreis Baden-Württemberg empfehlen die Handreichung.
Ausgehend von der Bestandsaufnahme kann im nächsten Schritt ein auf die örtlichen Rahmenbedingungen zugeschnittenes Konzept zu Zielen und Maßnahmen der kommunalen Integrationspolitik erarbeitet werden (z. B. Integrationskonzept der Stadt Stuttgart, Integrationskonzept des Landkreises Schwäbisch Hall). Damit Migration und Integration als Querschnittsthema angegangen werden kann und auf allen Handlungsfeldern wirksame Maßnahmen ergriffen werden können, ist eine verstärkte Zusammenarbeit der Gemeinden und Städte mit allen relevanten Akteuren vor Ort wichtig (z.B. Eberbacher Netzwerk Integration, Neue Wege der Sprachförderung in Süßen).
Bei der Ausarbeitung eines Integrationskonzepts sollten neben den örtlichen Fachleuten auch die Migranten selbst vor Ort beteiligt werden, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und sicherzugehen, dass die geplanten Maßnahmen die Adressaten auch erreichen. Mit einer Zukunftswerkstatt Familienfreundliche Kommune als Ausgangspunkt und Initialzündung lässt sich vor Ort unter Beteiligung von Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund und örtlichen Fachleuten ein schlüssiges, praxistaugliches Handlungskonzept entwickeln, das den Bedarf vor Ort trifft und das von allen Beteiligten mit getragen und umgesetzt wird. Die Zukunftswerkstätten Familienfreundliche Kommune sind Teil der Initiative Kinderland Baden-Württemberg und werden von der FamilienForschung Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Kommunalverband für Jugend und Soziales durchgeführt. Bislang arbeiten in Baden-Württemberg rund 30 Zukunftswerkstätten mit über 2000 Beteiligten.
Nach der Umsetzung von Maßnahmen schließlich sind Erfolgskontrollen und Selbstevaluation unerlässlich, um die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit des Entwicklungsprozesses sicherzustellen. Sind die Ziele, die sich die Kommune im Rahmen des Integrationskonzepts gesteckt hat, auch tatsächlich erreicht worden? Haben die Maßnahmen die Lebenssituation von Menschen mit Migrationshintergrund in der gewünschten Weise verbessert? Wo ist es noch nicht vorangegangen, wo gibt es neuen Handlungsbedarf?