Bilinguale Bildung im Kindergarten

Spielend Grundlagen für eine spätere Zwei- und Mehrsprachigkeit schaffen

Träger

Gemeinde Ehrenkirchen, Gemeinschaftsinitiative INTERREG der Europäischen Union

Anlass und Ziele

In einem politisch, wirtschaftlich und sozial zusammenwachsenden Europa kommt den Regionen eine neue Bedeutung zu. Angesichts der wachsenden regionalen Vernetzung und Kooperation über Landesgrenzen hinweg werden entsprechende Sprachkenntnisse zur wichtigen Qualifikation. Erste Grundlagen für eine spätere Zwei- oder Mehrsprachigkeit können schon im frühen Kindesalter geschaffen werden.

Im Juli 1999 beschlossen deshalb 22 deutsche Städte und Gemeinden der Region Oberrhein, in ihren Kindergärten die Sprache des Nachbarlandes - Französisch - einzuführen. Für Deutschland eine neuartige Idee, die sowohl im elementarpädagogischen und bildungstheoretischen Bereich als auch in den Kindergärten auf positive Resonanz stößt.

In allen Kindertagesstätten der Gemeinde Ehrenkirchen wird seit September 2001 Französisch für Kindergartenkinder angeboten. Ehrenkirchen beteiligt sich in diesem Zusammenhang an folgenden Projekten, die die Pädagogische Hochschule in Freiburg für Kindergärten am Oberrhein ins Leben gerufen hat:

  • "Bilinguale Bildung im Kindergarten - Kooperation und Vernetzung in der vorschulischen bilingualen Bildung" (INTERREG II) und
  • "Bilinguale Bildung im Kindergarten - Heterogenität als besondere Aufgabe in der vorschulischen, deutsch-französischen Fremdsprachenbildung" (INTERREG III).

Die Projekte werden vom Arbeitsbereich "Bilinguale Bildung im Kindergarten" der Pädagogischen Hochschule Freiburg koordiniert und wissenschaftlich begleitet. Der Arbeitsbereich übernimmt außerdem die Organisation der Fortbildungsveranstaltungen für die pädagogischen Fachkräfte auf deutscher und französischer Seite und begleitet und unterstützt die Einrichtungen bei der Umsetzung der Projektinhalte.

Für den Zeitraum 2002-2004 (INTERREG II) wurden folgende Ziele formuliert:

  • Kooperation mit den Grundschulen und grenzüberschreitender fachlicher Austausch zur Sicherung eines durchgehenden Aufbaus der frühen Fremdsprachenvermittlung im Bildungssystem ab dem Vorschulbereich
  • Kooperation mit und zwischen den Ausbildungsstätten für pädagogische Fachkräfte am Oberrhein bei der Integration der frühen Fremdsprachenvermittlung in das Lehrangebot
  • Intensivierung grenzüberschreitender Begegnungen durch grenzüberschreitende Partnerschaften zwischen den am Projekt teilnehmenden Einrichtungen
  • Förderung des grenzüberschreitenden pädagogischen Austauschs im Bereich Theorie und Praxis früher Fremdsprachenvermittlung durch gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen und daraus entstehende Arbeitsgruppen
  • wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des deutsch-französischen Netzwerks zur frühen Fremdsprachenvermittlung

Im Zeitraum 2005-2007 (INTERREG III) geht es schwerpunktmäßig um die Herstellung von Chancengleichheit im Bereich vorschulischer Fremdsprachenbildung für alle Kinder am Oberrhein. Kinder mit besonderen Voraussetzungen sollen in das Fremdsprachenangebot integriert werden. Dazu wurden folgende Arbeitsschwerpunkte und Ziele festgelegt:

  • gemeinsame grenzüberschreitende Ent­wicklung von Methoden und Materialien zur Integration von Kindern mit besonderen Voraussetzungen in die vorschulische Fremdsprachenbildung auf deutscher und französischer Seite
  • theoretische, sprachliche und didaktisch-methodische Qualifizierung deutscher und französischer Fachkräfte für die Differenzierung und Individualisierung in der vorschulischen Fremdsprachenbildung
  • Gewinnung differenzierter Erkenntnisse zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Mädchen und Jungen im Hinblick auf die Effizienz der eingesetzten Methoden und Materialien

Zielgruppen

Kindergartenkinder in Kindergärten in der Gemeinde Ehrenkirchen

Zusammenarbeit

Kooperationspartner des Interreg II-Projektes auf französischer Seite war die Elternorganisation "A.B.C.M. Zweisprachigkeit" ("Association pour le Bilinguisme en Classe dès la Maternelle"). A.B.C.M. möchte Kindern bereits im Kindergartenalter eine zweisprachige Schulerziehung ermöglichen. Die grenzüberschreitende Kooperation mit dem Verein trug wesentlich zur Verwirklichung der Projektziele und zum Aufbau und zur Intensivierung von Partnerschaften zwischen den einzelnen Einrichtungen auf beiden Seiten des Rheins bei.

Im Interreg III-Projekt wird mit der Ausbildungsorganisation "ABCM Usbeldung", mit der "Inspection Académique" in Colmar und dem staatlichen Schulsystem kooperiert.

Angebote und Umsetzungsschritte

Die französische Sprache soll in Form von gezielten Aktivitätsangeboten in das Kindergartengeschehen einbezogen werden, die die Erzieherinnen zu bestimmten Zeiten durchführen. Das kann auf verschiedene Art und Weise geschehen:

  • Angebotsmodell: Hier führt eine Erzieherin in ihrer Gruppe ein französisches Aktivitätsangebot in Form von Liedern, Spielen, Reimen, Finger- und Rollenspielen durch. Das kann entweder im Rahmen eines Stuhlkreises stattfinden oder in andere Angebote, wie z.B. Rhythmik oder Freispiel, integriert werden.
  • Gruppenübergreifendes Angebotsmodell: Bei diesem Modell werden regelmäßig Angebote für einen Teil der Kinder aus mehreren Gruppen durchgeführt, z.B. für die künftigen Schulanfänger.
  • Außenmodell: Für das Außenmodell gelten die gleichen Bedingungen wie beim vorherigen Modell. Einziger Unterschied: ein(e) Externe(r) (z.B. eine französischsprachige Mutter oder eine Lehrerin) führt das französische Bildungsangebot mit den Kindern durch.

Die Gemeinde Ehrenkirchen organisiert ihr französisches Bildungsangebot entsprechend ihrem Bildungsziel, den Sprachkenntnissen der Erzieherinnen und ihrer personellen Ausstattung. Erzieherinnen, die an dem Projekt teilnehmen, werden für die Vermittlung der französischen Sprache im Kindergarten qualifiziert. Hierfür werden drei Fortbildungsmodule angeboten:

  • Französischsprachkurse auf verschiedenen Niveaus (Anfänger-, Fortgeschrittenen- und Konversationskurse)
  • Didaktikfortbildungen für die frühe Fremdsprachenvermittlung im Kindergarten, spielerisch die französische Sprache vermitteln (z.B. mit Handpuppen)
  • Symposien zu theoretischen Aspekten der bilingualen Bildung im Kindergarten

Die Fortbildungen werden überwiegend von muttersprachlichen Lehrkräften durchgeführt.

Ergebnisse und Auswirkungen

Eine Reihe von Eltern mit guten französischen Sprachkenntnissen haben sich sehr stark in den Projekten engagiert. Außerdem ist es in Ehrenkirchnen erfreulicherweise gelungen, Muttersprachler für die Projektarbeit zu gewinnen.

Was die deutsche Seite angeht, kann das Vorhaben als einmalig bezeichnet werden, da im Bereich bilingualer Bildung im Kindergarten bisher weder weder auf Projekt- noch auf Praxiserfahrung zurückgegriffen werden konnte. Die Entscheidung des Kultusministeriums, ab 2001 Französisch als erste Fremdsprache in die Grundschulen am Oberrhein einzuführen, bestätigt, dass das Projektziel französischsprachige Bildung im Kindergarten strategisch in die richtige Richtung weist.

Insgesamt gesehen ist es mit den INTERREG-Projekten gelungen neue Strukturen im Bildungsbereich zu schaffen, die den grenzüberschreitenden Austausch zwischen Kindern und Erwachsenen fördern. Als Zwischenbilanz kann festgehalten werden, dass die INTERREG-Projekte die Wirklichkeit in der vorschulischen Bildung auf breiter Ebene verändert haben. Nicht nur, aber insbesondere in den deutschen Kindergärten. Die Partnerländer haben sehr von dieser Zusammenarbeit profitiert.

Finanzierung

Die Projekte werden von der Gemeinschaftsinitiative INTERREG der Europäischen Union finanziert. Vorhaben, die im Rahmen von INTERREG gefördert werden, müssen einen direkten Nutzen für die Bevölkerung haben und einem regionalen grenzüberschreitenden Interesse entsprechen. Zusätzliche finanzielle Mittel stammen aus Beiträgen der teilnehmenden Kindergärten.