FemmesTISCHE

Erziehende im Gespräch

Träger

Kooperationsprojekt unter Federführung der Psychosozialen Beratungsstelle Emmendingen

Anlass und Ziele

Die Familie hat neben anderen frühen Sozialisationserfahrungen den lebensgeschichtlichen ersten und wahrscheinlich wichtigsten Einfluss auf den späteren Umgang mit Suchtmitteln. Maßnahmen der Primärprävention und Gesundheitsförderung sind daher bereits ab dem Kindesalter notwendig.

Wesentliche Ziele sollten hierbei die Unterstützung und Stärkung der Mütter und Väter in der Wahrnehmung ihrer Erziehungsverantwortung sein.

Erfahrungsgemäß werden die üblichen Maßnahmen für Eltern wie Elternabende oder Elternseminare jedoch nur von denen wahrgenommen, die auch für anderweitige Unterstützung, Literatur oder Beratung in Gesundheits- und Erziehungsfragen vergleichsweise aufgeschlossen sind. Nicht selten heißt es von Seiten der Veranstalter, dass gerade die, die es nötig hätten, ferngeblieben seien. Ein wesentlicher Grund scheint darin zu liegen, dass die Öffentlichkeit derartiger Veranstaltungen für manche Eltern eine unüberwindbar große Hürde darstellt.

Daher soll mit FemmesTISCHE versucht werden, diejenigen zu erreichen und zu stärken, die an-dere Angebote wie Kurse, Vorträge, Mütter-Treffs, Beratungsstellen u.ä. nicht in Anspruch nehmen.

Die Ziele der FemmesTISCHE sind insbesondere

  • die Kontakte zwischen Erziehenden (Mütter, Väter erwünscht) eines Wohnortes zu fördern und zu intensivieren
  • neue Beziehungen im nachbarschaftlichen Wohnumfeld im Sinne eines sozialen Netzwerkes anzuregen und knüpfen zu helfen
  • die persönliche soziale Isolation zu verringern
  • die Erziehenden für gesundheitliche, sucht-präventive und erzieherische Themen durch die vertiefte Auseinandersetzung zu sensibilisieren
  • sozialen Kompetenzen wie z. B. das Kommunikationsverhalten oder das Vertrauen in die eigenen erzieherischen Fähigkeiten zu stärken
  • die Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die mit traditionellen Veranstaltungen der Erwachsenenbildung nur schwer zu erreichen sind

Zielgruppen

Durch FemmesTISCHE sollen alle die angesprochen werden, die im Privaten selbst im Erziehungsprozess stehen. Dies sind Mütter und auch Väter, aber auch Großeltern oder andere Bezugspersonen von Kindergarten- oder Schulkindern. Gleichwohl auch Männer diese Aufgaben wahrnehmen, richten sich FemmesTISCHE vor allem an Frauen, weil diese im Vergleich der Geschlechter ? ob man es mag oder nicht ? weiterhin den größeren Teil von Erziehungsverantwortung tragen. Sie stehen zudem oft im Spagat zwischen Familie und Beruf. Sie wollen zumeist nicht nur Mutter sein. Sie wollen auch sich selbst dabei nicht aus den Augen verlieren, eigene Wünsche und Bedürfnisse erfüllen und gesund und zufrieden leben. Zudem ist die Form des Austauschs bei FemmesTISCHE eine, die Frauen eher als Männer vertraut ist und bei der sie sich wohl fühlen.

Die Tätigkeit als Moderatorin kann nur von Frauen wahrgenommen werden. Seit Anfang 2004 wird das Projekt nicht nur für native Deutsche, sondern auch speziell für Menschen mit Migrationserfahrungen (Aussiedler, Spätaussiedler, Ausländer, Bi-nationale Eltern) durchgeführt.

Zusammenarbeit

Kooperationsprojekt der

  • Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle für Alkohol- und Medikamentenprobleme ? Fachstelle für Suchtprävention und Gesundheitsförderung

mit

  • der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Landkreis Emmendingen
  • dem Kinderschutzbund Emmendingen
  • dem Mütterzentrum March-Reute e.V.
  • der Volkshochschule Nördlicher Breisgau
  • dem Jugendhilfezentrum St. Anton, Riegel
  • der Ausländerberatung der Stadt Emmendingen (seit 2003) und
  • der DRK-Migrationserstberatung (seit 2003)

Angebote und Umsetzungsschritte

Zur Durchführung wurde eine breite dauerhafte Projektkooperation begründet und ein Projektteam gebildet. Die Aufgaben dieses Projektteams sind

  • die inhaltliche Ausgestaltung und lokale Anpassung des Originalkonzeptes des Ateliers für Kommunikation, Aesch, Schweiz
  • die Mitarbeit bei der Erstellung eines Finanzplanes und die Vorbereitung bei Antragsstellungen
  • die gemeinschaftliche Suche nach geeigneten Moderatorinnen
  • die konzeptionelle Planung und Durchführung der Ausbildung und Praxisbegleitung der Moderatorinnen
  • die Auswahl geeigneter Themen und ggf. methodische Aufbereitung derselben
  • die Steuerung und Durchführung der Öffentlichkeitsarbeit und
  • die Entscheidung in konzeptionellen Fragen während der Umsetzung.

Das Projektteam kommt seit seiner Gründung im Juli 2000 jährlich zu 6-8 Besprechungen zusammen. Seit der Einbeziehung von Migrantinnen als Zielgruppe wurde hierfür ein Teilprojektteam gegründet, welches die besonderen Belange der neuen Zielgruppe und ggf. Änderungen in Strategien, Methoden und Zugangswegen zu diesen steuert.

So funktionieren FemmesTISCHE: Eine ehrenamtliche Moderatorin ? eine "ganz normale" badisch, philippinisch, spanisch, italienisch, türkisch oder russisch sprechende Frau mit oder ohne Migrationserfahrung, die selbst mitten im Familienleben steht, von den Projektträgern gesucht und für ihre Tätigkeit geschult wurde ? sucht eine Gastgeberin an ihrem Wohnort. Diese lädt 4-6 Gäste zu sich nach Hause ein, um über ein vorher vereinbartes Thema miteinander zu sprechen. Diese Themen können z. B. "Kindern Grenzen setzen", "Kinder stark machen", "Pubertät", "Wie mache ich mich als Mutter/Vater stark?" oder "Frauenalltag" sein.

Die Moderatorin leitet das Thema ein und führt durch die 11/2 ? 2-stündige Gesprächsrunde. Am Ende der Veranstaltung sucht sie unter den Gästen eine neue Gastgeberin für dasselbe Thema oder ein anderes. Dabei geht es nicht um die Gründung von kontinuierlichen Gruppen, sondern um die Initiierung von Begegnung und Austausch nach dem Schneeballsystem.

Die Aufgabe des Projektteams liegt darin, die Moderatorinnen zu suchen und zu finden, für ihre Tätigkeit auszubilden und im Jahreslauf zu begleiten. Es sollten je Jahr 9-12 Moderatorinnen gefunden werden, die dann zu Jahresbeginn an einem Wochenende ausgebildet wurden.

Mit den Moderatorinnen werden z.B. die folgenden Themen besprochen "Wie gewinne ich eine Gastgeberin?", "Welche Methoden kann ich zur Einführung in ein Thema verwenden?", "Welche Regeln sind für ein Gespräch hilfreich?", "Wie kann ich das Gespräch der Gäste eröffnen, leiten und beschließen?" und "Wie funktioniert die begleitende wissenschaftliche Auswertung?". Schließlich wird auch das erste Thema "Kindern Grenzen setzen" methodisch aufbereitet, um so für den ersten FemmesTISCHE gerüstet zu sein.

Die "ideale" Moderatorin könnte wie folgt beschrieben werden:

  • eine Frau, die selbst als Mutter im Erziehungsalltag steht; Das schließt Alleinerziehende mit ein. Das Alter der Kinder ist offen bis ca. 18, das Ater der Frauen ist unerheblich.
  • Sie ist eingebunden an ihrem Wohnort, pflegt hier Beziehungsnetze und hat Zugang zu verschiedenen Gruppen in der Gemeinde.
  • Sie ist neugierig und fähig zu neuen Kontakten.
  • Sie hat gute kommunikative Fähigkeiten und pflegt eine offene Gesprächsatmosphäre.
  • Sie ist Erziehungs-"Laie" ohne pädagogische Ausbildung (eine Ausbildung ist kein Hindernis, der Laien-für-Laien-Charakter muss jedoch stets im Vordergrund stehen).

Für 2001 konnten so neun und für 2002 zwölf Frauen ausgebildet werden, die sich jeweils für ein Jahr für die Moderatorinnentätigkeit "verpflichteten". In 2003 waren sogar zwanzig Moderatorinnen tätig. Von diesen setzten 13 ihre Tätigkeit in 2004 fort. Für 2004 wurden daher ausschließlich Migrantinnen-Moderatorinnen gesucht. Dies gestaltete sich trotz Mitarbeit der Ausländerberatung der Stadt Emmendingen und der DRK-Migrationserstberatung mit vielfältigen Kontakten und Beziehungen überraschend schwierig. Nicht allein die Kontaktaufnahme durch das Projektteam war von Skepsis begleitet. Vielmehr waren auch vielfältige kulturelle Hürden z.T. nicht oder nur schwer überwindlich. So war eine in Deutschland geborene und aufgewachsene Türkin sehr an der Tätigkeit interessiert und konnte einen großen Nutzen für sich und andere Türkinnen erkennen. Allein das Veto des Ehemannes und anderer männlicher Familienmitglieder verhinderte ihr Engagement. So konnten für 2004 zunächst zwei Spätaussiedlerinnen, eine Philippinin und eine Peruanerin ausgebildet werden.

Jeweils zur Halbjahresbilanz und zum Jahresende und natürlich bei Lebensereignissen wie Wegzug, Wiederaufnahme der Berufstätigkeit oder Geburt eines Kindes beendeten einige Ihre Tätigkeit, so dass sich Zahl und Aktivität der Moderatorinnen immer wieder änderten.

Zwischen Projektteam und Moderatorinnen wurde zunächst die Durchführung von vier FemmesTISCHEn innerhalb des jeweils ersten Halbjahres vereinbart. Anschließend erfolgte eine Zwischenbilanz. Erwünscht und dann vereinbart werden sollte die Durchführung von zwei (anfangs vier) weiteren im zweiten Halbjahr. Eine Fortsetzung im Folgejahr ist erwünscht. Die Moderatorinnen erhalten eine Aufwandsentschädigung.

Von Beginn an wurde das Projekt von einer umfangreichen und gezielten Öffentlichkeitsarbeit und einer Evaluation im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) begleitet.

Ergebnisse und Auswirkungen

2001-2003 haben über 150 FemmesTISCHE mit über 700 badischen Gästen zu einer Vielzahl von aktuellen Themen stattgefunden. Die Gäste (99,9% Mütter) äußern sich überwältigend positiv zum Angebot und Verlauf der FemmesTISCHE. Besonders wurde dabei die Gezieltheit des Austauschs und das bessere Kennen lernen der "Frauen aus der Nachbarschaft" hervorgehoben. Etwa 1/3 der Frauen besucht auch weitere FemmesTISCHE im privaten Umfeld. In 2004 nahmen 85 badische und 110 Migrantinnen-Gäste bei 22 badischen und 18 Migrantinnen-FemmesTISCHEn teil.

FemmesTISCHE erreicht die Menschen niedrigschwelligund ergänzt vorhandene Strukturen. So sagen in der Gästebefragung ca. 10% der badischen und 44% der Migrantinnen-Teilnehmerinnen "Ich habe in den letzten 12 Monaten weder Seminare, Kurse, Vorträge oder Elternabende, Beratungsstellen oder Müttertreffs (Krabbelgruppen u. ä.) zum Austausch über Erziehungsfragen ausprobiert." Zwischenzeitlich ist das Projekt im Landkreis insgesamt und besonders in den Orten, in denen Moderatorinnen tätig sind, ein bekanntes und geschätztes Projekt. Es stößt auch auf mehrheitlich positive politische Resonanz.

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Eine der wiederkehrenden Schwierigkeiten für die Moderatorinnen ist die geringe verfügbare Zeit bei potentiellen Gästen: Eigene Berufstätigkeit und Termine, Verpflichtungen der Kinder oder des Partners und natürlich die Anforderungen im Familienalltag erschweren erheblich, Verbindlichkeit mit der Gastgeberin und den Gästen bei Terminen für FemmesTISCHE zu erreichen. Gleichzeitig kommt hinzu, dass auch kurzfristige Ausfälle, z. B. durch Krankheit eines Kindes, immer dazugehören. So werden in der Regel 6 ? 7 Gäste eingeladen und 4 ? 6 können dann kommen.

Die weitere Schwierigkeit ist, die zentralen Werte der FemmesTISCHE wie Niedrigschwelligkeit, Laiencharakter, Zielgerichtetheit des Austauschs und Förderung sozialer Netzwerke zu kommunizieren. Oftmals wird das Projekt (vornehmlich von Männern) in die vermeintliche Nähe zum alltäglichen Kaffeeklatsch unter Frauen gerückt.

Die badischen FemmesTISCHE -Moderatorinnen, die alle schon mehrjährig mitarbeiten, erlebten in 2004 erstmals die Grenzen ihrer sozialen Netze, welche zentrales Element der Gewinnung von Gastgeberinnen sind. taten sich erstmals deutliche Schwierigkeiten auf, neue Gastgeberinnen zu gewinnen. in Konkurrenz zu aktuellen TV-Formaten wie "Die Super-Nanny". Deren große Akzeptanz bedient den Bedarf und die Aufnahmefähigkeit der Menschen bei Erziehungsthemen anscheinend sehr erschöpfend. Wirklichen Schwung bringen vermutlich erst neue Moderatorinnen mit neuen sozialen Netzen.

Eine große Herausforderung stellte der neue Projektteil mit Migrantinnen dar. Die erste und andauernde Hürde stellt die Gewinnung von Moderatorinnen in den entsprechenden Bevölkerungsgruppen dar. Trotz Mitarbeiterinnen aus Aussiedlerbetreuung und Ausländerberatung mit all ihren Kontakten gelang es uns bis nur, Spätaussiedlerin, eine Peruanerin und eine Philippinin zu gewinnen.

Die Gründe sind vielfältig und auch für uns nicht abschließend zu erkennen. Eine Türkin, in Deutschland geboren und aufgewachsen, fand leider nicht die Zustimmung ihres Ehemannes. Junge Italienerinnen befürchteten, dass das nicht funktioniert, weil "solche Themen in der Familie bleiben" und sie keine Gastgeberin zu finden glauben. Mit anderen Frauen stießen wir an kulturelle Grenzen, den Wert und das Besondere von FemmesTISCHE zu kommunizieren, denn "reden tun wir doch eh miteinander". Immer wieder bleibt aber auch einfach die Hürde, zwischen deutschem und anderem Kulturkreis, anderen Beziehungs- und Kommunikationsformen einen Kontakt herzustellen. sind die vier Frauen, denen dies gelang und die als Moderatorinnen tätig sind, hoch zufrieden und bekommen gleichfalls sehr gute, zufriedene Rückmeldungen ihrer Gäste.

Schließlich ist der Aufwand erheblich, für jedes Folgejahr eine Finanzierung der Projektkosten (Auf-wandsentschädigungen für die Moderatorinnen, Honorarmittel für Ausbildung und Begleitung, Druck, usw.) sicher zu stellen. Dass dies bis ins vierte Jahr mit einer großen Vielfalt von lokalen und überregionalen Förderern hinein gelungen ist, ist erfreulich, aber leider keine Ruhebank.

Personalbedarf

  • Projektteam: geringer Aufwand für Teamtreffen, höherer Aufwand bei Moderatorinnensuche
  • Projektleitung: Zeitaufwand je nach Phase unterschiedlich (Moderatorinnensuche: hoher Aufwand, Durchführung: geringer Aufwand) wichtig, die Projektleitung bei einer Institution zu verorten, die die angemessene Infrastruktur zur Verfügung stellen kann.
  • Ausbildung und Begleitung: Honorarmitarbeiterinnen mit je ca. 40h/Jahr
  • ehrenamtliche Moderatorinnen je nach Anzahl und Aktivität (ca. 6x FemmesTISCHE mit Planung, thematischer Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung/Evaluation, ca. 6x Praxis-begleitung/Bilanz jährlich)

Raumbedarf

"Wohnzimmer, Küchentische . . .": keine öffentlichen Räume

Finanzierung

  • 2001: Land Baden-Württemberg, Volksbank Emmendingen-Kaiserstuhl
  • 2002: Badischer Landesverband für Prävention und Rehabilitation e. V. (blv.), Landkreis Emmendingen, Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie
  • 2003: blv., Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, Landkreis Emmendingen
  • 2004-2005: SBB-Stiftung, Stuttgart

FemmesTISCHE mit Migrantinnen

  • 2004: Landesstiftung Baden-Württemberg
  • 2005: Robert-Bosch-Stiftung (anteilig) und Landesstiftung Baden-Württemberg
  • 2006: Robert-Bosch-Stiftung (anteilig) und Landesstiftung Baden-Württemberg

Besondere Rahmenbedingungen vor Ort

Möglichkeit (und Gelingen) der langfristigen Kooperation der beteiligten Projektpartner, Bekanntheit bei anderen Familienergänzenden Institutionen (z. B. Kindergärten), Fürsprecher und Förderer bei Kommunalverwaltung, Politik und Presse

Moderatorinnen der FemmesTische Moderatorinnen der FemmesTische

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